Donnerstag, 17. April 2008

Autorenlesung mit Konzert und Bilderausstellung

Hallo, liebe Gäste meines weblogs,

ich möchte Sie auf eine Autorenlesung aufmerksam machen, die wir von den Münchner Satzkrobaten in Zusammenarbeit mit SchülerInnen der Rosmarie-Theobald-Musikschule und dem bildenden Künstler Georg Finsterwald für Sie vorbereitet haben.

Plakat-Muenchner-Satzkrobaten-5b-copy




Auch ich werde bei der Lesung vetreten sein und lese für Sie die Kurzgeschichte "Rauchzeichen" aus "Wandlungen - vom Leben geschubst" und als zweiten Text "Im Reich der Traumfädenspinnerin", der im Spätherbst 2008 in einer weiteren Anthologie veröffentlicht werden wird.


Es wäre schön, Sie am
am Sonntag, den 20.04.2008, 17:00 Uhr
in Ottobrunn bei München, in der Rosmarie-Theobald-Musikschule, Schule III, an der Albert-Schweitzer-Straße,
im Konzertraum 206 begrüßen zu dürfen.

Mittwoch, 5. März 2008

Plädoyer für das „Real Life“

Seit ich ein Kind habe, bin ich viel zu Hause. Das ist eine Tatsache, die ich auch keinesfalls beklagen will. Ganz klare Folge davon ist, dass sich ein kommunikativer Mensch wie ich ins Internet orientiert, wo ich mich tags und nachts in verschiedenen Foren, Gruppierungen, Arbeits- und Freizeitgemeinschaften austauschen kann.

Dort er“lebte“ ich unter anderem Folgendes:
1. Die Intensität des Austausches und die Geschwindigkeit, mit der Wildfremde private Details austauschen und ineinander vertrauen, empfand ich als erheblich größer als bei direkten Treffen. Ich habe geradezu stürmische Bekenntnisse erlebt (und gemacht) von und an Menschen, zu denen ich kurz zuvor und kurz darauf überhaupt keinen Kontakt (mehr) hatte. Einen neutralen Bildschirm vor sich zu haben, anstatt eines lebendigen Gesichtes, das (einen aus- oder an-)lacht, die Stirn runzelt, allgemein gesagt, „wertend“ aussehen kann, scheint eine fast unglaubliche Offenheit zu fördern.
2.Lernt man diese virtuellen Freude und Bekannte dann kennen - was, wie ich erfahren habe, bei vielen Menschen, die diese Form von Kontakten pflegen, überhaupt (!) nicht erwünscht ist – bergen diese Treffen natürlich erhebliches Enttäuschungspotential. Wir alle wissen, dass die Anonymität des Netzes geradewegs dazu verlockt, vorzugeben, ein Anderer zu sein. Schöner, stärker, mutiger, größer, gütiger, (erfolg)reicher – die Liste wäre endlos. Die Macher von Second Life haben das ganz rasch erkannt und einen Millionenschweren Markt aus dem Bedürfnis geschaffen, ein Leben abseits seines eigenen zu führen und sei es nur mittels einer Comicfigur am Bildschirm. Aber auch, wenn man nicht geflunkert, sich nicht „geschönt“ hat, hat sich das Gegenüber am Bildschirm aus dem geschriebenen Wort ein Bild gezimmert, dem man fast nicht gerecht werden kann. Es sei denn, der andere sei Hellseher.

Mit diesen und ähnlichen Gedanken im Kopf habe ich mich am letzten Wochenende zu einem solchen Treffen begeben. Sechzehn Mitglieder von espressivo, der Autorengruppe, der ich seit knapp einem Jahr angehöre, kamen in Bad Münstereifel zusammen, viele davon sah ich zum ersten Mal. Was ich von allen kannte, waren ihre Texte und ihre Kommentare zu den Texten anderer, von vielen zusätzlich ein kleines Bildchen am Rand ihrer Forumsbeiträge, von wenigen ihre Stimme aus einem der seltenen Telefonate. Wie Puzzlesteine hatten alle diese einzelnen Informationen dazu beigetragen, ein Bild von den anderen in meinem Kopf enstehen zu lassen.

Was für ein Wochenende!! Was für eine beglückende Erfahrung, dass die echten Menschen vielleicht nicht in jedem Aspekt so sind, wie ich sie mir vorgestellt habe, sondern besser, fröhlicher, engagierter, warmherziger, tatkräftiger! Einfach „voller“. Meine früheren Vorstellungen von ihnen glichen den luftleeren Ballonhüllen, die auf dem Fußboden im Zimmer meines Sohnes herumliegen. Okay, es ist ein Ballon und er ist orange. Aber wie groß er ist, wie prall, marmoriert oder einfarbig, rund, herz- oder häschenförmig, Luft- oder Heliumgefüllt, also ob er fliegt oder sinkt - all diese Eindrücke waren mir bei meinen virtuellen Kontakten bislang verborgen geblieben.

Ein solches Treffen ist ein kraftvolles Plädoyer für die wahre Welt und ihre richtigen Menschen. Die aus Fleisch und Blut, mit Lachfalten, Figurproblemen, verlegten Lesebrillen und dicken Socken gegen kalte Füsse, zu lauten oder zu leisen Stimmen, Kopfschmerzen, Hunger, die erfüllt sind von Verständnis oder geplagt von verschmähter Liebe. Die außer ihrem körperlichen Dasein auch noch einen Rattenschwanz erspürbarer Vergangenheit mitbringen, einen Haufen Gefühle für die Situation und füreinander und die mir eine Zukunft mit Kontakten versprechen, die sichtbarer, greifbarer und vor allem befriedigender sind als der nächste schriftliche Beitrag auf dem hellblauen Hintergrund unseres Forums.

Vielleicht bin ich zu alt für eine ausschließlich virtuelle Welt, vielleicht zu eingefahren beim Pflegen von menschlichen Kontakten, zu unflexibel auf den Gleisen des Kennenlernens, einfach zu unmodern. Ich werde das Internet nutzen – zum Beispiel schon dazu, diesen enthusiastischen Bericht über mein letztes Wochenende zu verbreiten. Auch werde ich weiterhin Kontakte per eMail oder im Forum pflegen.

Aber die Königsdisziplin ist und bleibt für mich das Treffen mit dem realen Gegenüber. Ich mag Menschen einfach lieber als Bildschirme, auch wenn sie drei-D und in Farbe sind. Und auch wenn das Kennenlernen vielleicht langsamer geht. Dafür ist es anhaltender.

Wir werden uns im September wiedersehen. Ich freue mich jetzt schon.

Montag, 11. Februar 2008

Sehnsüchte

Nie habe ich einen mich dermaßen berührenden Film gesehen, selten so ein aufwühlendes Buch gelesen, wie Jon Krakauers „Into the Wild“, verfilmt von Sean Penn. http://www.intothewild.com/
Den Inhalt der Geschichte, sowie die Figuren des (ausgezeichnet!! besetzen) Filmes trage ich seit Tagen mit mir herum, frage mich, was das Leben des Christopher McCandless für mich bedeutet, warum es mich so bewegt, nein, mehr noch, mich tagelang aus gewohnten Gleisen geworfen und mich veranlasst hat, Grundsätzliches in meinem Leben in Frage zu stellen.

Ein 22-jähriger Absolvent einer amerikanischen Elite-Universität verschenkt nur wenige Tage nach Erhalt seines glänzenden Abschlusszeugnisses sein gesamtes Vermögen an die Wohlfahrt und verschwindet auf Nimmer-Wiedersehen aus dem Dunstkreis seiner Familie. Für die nächsten zwei Jahre durchquert er nahezu „penniless“ den gesamten amerikanische Westen, bevor er zu seinem letzten großen Abenteuer in die Wildnis Alaskas aufbricht. Er verbringt dort die Sommermonate vollkommen abgeschieden von jeglicher Zivilisation inmitten der Natur, deren Gesetzen zum Überleben gehorchend. Und überlebt nicht.
http://www.filmstarts.de/produkt/83226,Into%20The%20Wild.html

Mit ist noch nicht ganz klar, warum mir dieser Film so dermaßen unter die Haut gefahren ist, dass ich zur Zeit immer noch kaum fertig bringe, von irgendetwas Anderem zu reden, geschweige an etwas Anderes zu denken, als an diese enorme Sehnsucht, das Feuer, das das wahre Leben des Chris McCandless in mir entfacht hat. Selbst das Hintergrundbild auf dem PC ist mittlerweile ein Foto aus dem Film und ich wandle auf McCandless Spuren auf dem Stampede Trail via Google Earth. Ich lese das Buch gerade zum zweiten Mal innerhalb zweier Wochen, streiche mir Passagen an, lese Sekundärliteratur dazu - Bücher, die McCandless während seiner Odyssee auch gelesen hat (London, Keruac, Thoreau.)
Sätze wie dieser hier:
It is important in life, not neccesarily to BE STRONG, but to FEEL STRONG. To measure yourself at least once... bekommen eine enorme Bedeutung jenseits der ausgetreten Pfade, auf denen mein Leben dahin schleicht.

Mir fällt urplötzlich auf, dass sich viele meiner eigenen Texte jüngeren Datums um Ausbruch aus geregelten Lebensbahnen drehen, Ausbrüche aus menschlichen Beziehungen thematisieren, auch zum Preis großer Unsicherheiten und Unwägbarkeiten. Vielleicht ist gerade eine Überdosis dieses 'versorgt Seins' und 'behütet Werdens' allgemein der Grund dafür, sich nach raueren Tönen im Leben zu sehnen. Nach der Freiheit, zu niemanden zu gehören, niemanden zu enttäuschen und auch niemandem gegenüber so etwas wie eine Pflichterfüllung schuldig zu sein. Sehnen nach großen Gefühlen, rauschartigen Glückszuständen wie auch den tiefsten Tiefen der Trauer. Sehnen nach Pathos. Vielleicht ist kein einziger Mensch für ewige Gefühlsmonotonie und dauernden Gleichklang gebaut, vielleicht braucht er die Oszillation der Stimmungen, Empfindungs-Amplitude bis zum Anschlag, um zu erkennen, dass er noch lebt. Einfach um wach zu sein, wach zu bleiben, und nicht abgestumpft dahin zu vegetieren. Eine waagrechte Amplitudenfreie Linie auf einem Monitor (beeeeeep) war noch niemals ein gutes Zeichen, oder?

Obwohl ich genau weiß, dass ich für so ein ungebundenes Dasein, ohne Freunde, ohne Familienbande, vor allem ohne Sicherheiten, der ungeeignetste Mensch unter der Sonne wäre, bleibt die Bewunderung für und das Mitleid mit einem Menschen, der genau das versucht hat (und gescheitert ist).
Und die Sehnsucht!

Mittwoch, 23. Januar 2008

Wandlungen

Heute missbrauche ich – zum zweiten Mal seit seinem Bestehen – mein weblog für Werbezwecke, für Werbung in eigener Sache.
Eine weitere Anthologie mit Texten unter anderem von mir wird demnächst veröffentlicht werden. Daran wäre an sich noch nichts allzu Besonderes, wenn es sich nicht um eine ganz anderes, ein aufregend neues Projekt handeln würde, dass ich – zusammen mit zwei Autoren-Kolleginnen – im April letzten Jahres aus der Taufe gehoben habe.

Kurzgeschichtensammlungen enstehen häufig durch Ausschreibungen. Ein Thema wird ausgesucht, an den entsprechenden Stellen veröffentlicht und zum Teil Hunderte von Texten zu diesem Thema (oder was die Autoren für „das Thema“ halten) gehen bei den bemitleidenswerten Herausgebern ein.

Unser Konzept war ein anderes. Wir haben 14, uns durch eine Internetschreibwerkstatt bekannte Autoren angeschrieben und diese gebeten, uns in unserem Vorhaben zu unterstützen, eine Anthologie zum Thema „Wandlungen“ herauszugeben. Dreizehn haben spontan und begeistert zugesagt.
Im letzten Jahr haben wir – Forumsgestützt - diese Texte gesammelt, uns gegenseitig kommentiert, verbessert, lektoriert, Vorwort, Cover und Buchbegleittexte entworfen und unserer Formation einen Namen gegeben: espressivo.
Und in vier Wochen werden wir das fertige Buch in Händen halten.

Wandlungen - Vom Leben geschubst

"Besser? Oder nur anders?
Sechzehn Autoren präsentieren Ihnen Kurzgeschichten, die in vielschichtiger, berührender oder auch unterhaltsamer Weise Veränderungen beleuchten, die ihren unterschiedlichen Hauptfiguren widerfahren. Lesen Sie heitere, ernste, erschreckende, nachdenkliche, stürmische, kriminelle, tiefgründige, traurige, philosophische und witzige Geschichten, die nur eines gemeinsam haben: die Betroffenen und im günstigsten Falle auch Sie, den Leser, „verwandelt“ zurückzulassen.

Manche Veränderungen schleichen sich langsam, fast unmerklich heran, wie das Erwachsenwerden des kleinen Bruders in „Der Tag des jungen Löwen“, andere überfallen den Protagonisten in „Schnee“ von einer Sekunde auf die andere in Form einer Postkarte und verändern sein Leben von Grund auf.
Sie zeigen auf, wie sich die Sicht auf Dinge verändern kann, wenn man bereit ist, den Anderen in seinem Anderssein zu akzeptieren oder wie umgekehrt aus jahrelanger, schweigender Akzeptanz plötzlich der Mut zu engagiertem Handeln erwachsen kann. Sowohl der Handelnde, der verharrt, als auch der Erstarrrte, der agiert, wandeln sich. Und wie!

Lassen Sie Altes hinter sich und begleiten Sie die Figuren der Geschichten nach "Neuland". Loslassen ist die Chance für Neubeginn.
Und: vertrauen Sie auf das Leben – es wird auch Sie manches Mal auf die eine oder andere Art, sanft oder unsanft, schubsen – es gilt nur, sich davon nicht unterkriegen zu lassen!"


Cover-Wandlungen


Ooops, beißt sich "a wengerl" mit meinem weblog-layout. Tja, man kann nicht an alles denken.

Samstag, 12. Januar 2008

Besorgniserregend

Jeder, der mich auch nur ein bisschen kennt, weiß: Ich bin weder übermäßig ängstlich, noch abergläubisch, noch in der „PSI/Löffelbiegen/Akte X“-Szene unterwegs. Ich glaube sehr wohl, dass es in den Weiten des Weltraumes andere Lebensformen gibt, weniger aber, dass sie ein Interesse und/oder die technischen Möglichkeiten haben, uns aufzusuchen. Ich fühle mich meinen verstorbenen Verwandten innerlich verbunden, erinnere mich an sie, frage mich, wie sie wohl in dieser oder jener Situation denken oder handeln würden, aber ich kommuniziere nicht direkt mit ihnen und schon gar nicht über ein Medium.
Ich bin bodenständig. Rational. Der wissenschaftliche Typ. Oder der ungläubige Thomas, je nach spiritueller Ausrichtung meines Beurteilers.

Doch manchmal passieren Dinge...

Lassen Sie mich erzählen. Die Vorgeschichte: Wir haben diesmal Sylvester ganz groß gefeiert. Siebzehn Erwachsene, drei Kinder, Fleischfondue in drei Fonduetöpfen, Bowle aus der größten aufzutreibenden Salatschüssel, eine ordentliche Party, komplett mit 70er Jahre-Disco und semi-professionellem Feuerwerk. Richtig schön. Nach den Motto: wenn schon, denn schon. Der Aufbau nahm zwei Tage in Anspruch, ebenso die Aufräumungsarbeiten. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, fand ich ein Paar hellbraune (Herren-)Slipper einer teuren italienischen Marke, komplett mit Deichmann-Einlagen, unter meinem roten Sofa im Flur.
Ach, dachte ich gerührt, da hat sich tatsächlich ein Gast Extraschuhe für den Tanz im Keller mitgebracht.
In den kommenden Tagen sprach ich am Telefon mit allen (!) Gästen, manche hatten etwas (anderes) vergessen, andere wollten sich bedanken, wieder andere nur ratschen - keiner (!) vermisste seine Schuhe. Niemand war barfuß nach Hause gegangen.

Als sei das noch nicht merkwürdig genug, fand ich heute unter dem besagten Sofa einen dritten Schuh!!!!!!! Selbe Größe, Farbe, Bauart, Hersteller, Einlagen, wie die anderen. Und dann einen Vierten.
Wir haben nun zwei identische, komplette Paare eines braunen Herrenschuhes, Größe 42, im Haus, tragen selbst die Größen 37 und 40!

Unsere Versuche, dieses Schuhvorkommen in dem irgendwie umgekehrten Bermudadreieck zwischen Eingangstür, Kommode und dem besagten roten Sofa zu erklären, führten zu mehr oder weniger glaubhaften Szenarien.

Weit abgeschlagen ist inzwischen das Folgende: Mein Mann versucht mich in den Wahnsinn zu treiben und versteckt täglich einen Schuh mehr unterm Sofa. Dagegen spricht, dass er Schuhgeschäfte normalerweise nur unter Androhung von Scheidung betritt. Also ist es eher unwahrscheinlich, dass er - nur um mich zu ärgern - sich freiwillig dorthin begibt und dann noch Schuhe kauft, die keinem von uns passen. Dazu ist er zu geizig, ähm, sparsam. Zudem sehen die Schuhe getragen aus.

Relativ wahrscheinlich ist, dass ich Alzheimer bekomme - es gibt da auch noch andere Hinweise - und seit Sylvester einmal wöchentlich, von mir selbst unbemerkt oder vergessen, Schuhe gekauft habe und unter dem Sofa deponiert habe. Wäre ja möglich, oder? Aber die Dinger sehen wirklich nicht neu aus!

Unklar sind wir uns noch über folgendes Szenario: Usurpatoren aus einer fremden Galaxie versuchen, die Welt, ausgehend von unserem Dorf, zu erobern. Sie haben zwecks größtmöglicher Tarnung die Form eines auf der Erde üblichen Gegenstandes angenommen, haben nur das mit der Größe nicht so richtig hingekriegt. Unbemerkt, oder fast unbemerkt (!!), vermehren sie sich unterm meinem Sofa. Und ICH werde die Welt retten!! Single-handedly! Nur weiß ich noch nicht, wie...

Momentan tendieren wir am ehesten zu einem transzendenten Ansatz. Den einzigen Menschen, den ich kenne, der sich mehrere Paare identischer Schuhe gekauft hat, war mein (vor drei Jahren verstorbener) Vater. Der kam, zum Entsetzten meiner Mutter, einmal mit 4 (!!) gleichen Paaren vom Schuh-Einkauf zurück. Wenn er mal welche hatte, die passten und gefielen, warum denn nicht?
Nun rätsle ich seit Stunden, was mein verstorbener Papa mir wohl damit sagen will?

Weitere Vorschläge zur Erklärung des Unerklärlichen werden gerne angenommen und von uns auf Wahrscheinlichkeit geprüft.

Montag, 3. Dezember 2007

Panikattacke

Als ich heute in meinem Auto in den Abend hineingondelte, Radio auf Über-Zimmerlautstärke, erreichte mich die Meldung, dass das Album „Thriller“ von Michael Jackson einen runden Jahrestag hat. „Raten Sie mal, liebe Hörer“, wurde ich aufgefordert, „wie alt dieses Album heute ist?“
Na, dachte ich, ist schon 'ne olle Kamelle, diese Musik vom Jackson. Hatte das dazugehörige Video noch genau im Kopf - Jacksons Verwandlung in einen Werwolf und das anschließende Ballett der Toten in einer Straße des Industrieviertels. Fuffzehn Jahre wird das Ding schon auf dem Buckel haben, schätzte ich.

Als mir der Moderator eröffnete, „Thriller“ begehe seinen fünfundzwanzigsten, wäre ich fast in den Straßengraben gefahren. Ja, spinn ich denn!! Wo ist die Zeit geblieben? Wie konnte es passieren, dass 25 Jahre so im Nichts, oder zumindest im Nicht-Viel verschwunden sind? Ich habe doch keinen zehnjährigen Winterschlaf hinter mir!
Und:
Wenn es in diesem Tempo weitergeht, die nächsten 25 Jahre auch in dieser Geschwindigkeit an mir vorüberrauschen, bin ich, wenn ich mich das nächste Mal umdrehe, SIEBZIG!!! Das kann einfach nicht wahr sein!

Am Nachmittag war ich über dem Lesen eines Buches eingeschlafen und hatte zwei herrlich entspannende Stunden im Bett verbracht. Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich nehme mir vor, den lieben Gott nie wieder einen Tag, nicht mal mehr eine Stunde zu stehlen. Meine Zeit zu nutzen. Carpe diem und die Nacht noch dazu! Ab heute bin ich 26 Stunden pro Tag wach.

Und beginne endlich damit, den Roman zu schreiben.

Donnerstag, 29. November 2007

Ganz wie im richtigen Leben leider nicht

Ich bin aus der Generation, der als Kind beigebracht wurde, immer und unter jeden Umständen zu allen Menschen lieb und nett zu sein. „Du willst doch, dass dich deine Mitmenschen mögen“, mahnte mich meine Mutter jedesmal mit besorgtem Blick im direkten Anschluss an den Tadel für meine Verfehlung.

Klar, wollte ich das! Und wie. Jeder (oder Jede? Ich fürchte, das Ganze ist mal wieder ein ausschließlich weibliches Problem) möchte beliebt sein. Und dafür muss man nicht anderes tun, als den Mund halten? Eigentlich ganz einfach. Nachdem ich diese Lektion gelernt hatte, klappte das sehr lange recht gut. Dieses Verhalten ging mir recht automatisch von der Hand, aus dem Mund. Ich war beliebt. Allerdings brachte mir das Nicht-nein-sagen-Können („wenn du so unbequem bist, mögen sich die Leute nicht“) jede Menge Umwege in meinem Leben ein. Mich auf einem einmal eingeschlagenen Weg nicht mehr umdrehen und zurück gehen zu können („entscheide dich für eine Sache und bleib dabei – keiner mag unberechenbare Leute“) führte zusätzlich zu mancher Verbiegung meiner Persönlichkeit. Menschen, die mich ausnützten oder belasteten, Selbiges zu sagen und sich ihrer zu entledigen, war ein Ding der Unmöglichkeit, da eine Unhöflichkeit.

Unhöflich – schon das Wort ist eigentlich ein Unding. Wer ist denn heute noch „bei Hofe“?
Was genau ist denn „unhöflich“? Die Wahrheit? Man kann, könnte, die Wahrheit unhöflich rüberbringen, sein Gegenüber beleidigen, laut werden, etwas in der Art. Aber die Wahrheit an sich, ordentlich formuliert, kann die „unhöflich“ sein? Ein Satz wie: "Ich habe den Eindruck, dass du mich ausnutzt, dass du nur dein Ego an mir stillst, du mich als Spiegel für deine eigene Eitelkeit missbrauchst und deshalb möchte ich den Kontakt zu dir beenden“ - ist das unhöflich?
Ich meine: nein. Das ist ehrlich.

Warum dann, zum Kuckuck, fällt es mir so verdammt schwer, mir die Läuse aus dem Pelz zu schütteln? Irgendwo habe ich das Gefühl, das meinen richtigen Freunden und Bekannten sogar schuldig zu sein, weil mir dann für die Pflege der wahren Beziehungen mehr Zeit bliebe. Ich habe es bislang genau drei Mal (!) in meinem Leben geschafft, eine Beziehung aktiv zu beenden und jedesmal danach fühlte ich mich unglaublich ausgelaugt, kaputt und traurig, obwohl ich nach wie vor der Ansicht war, richtig gehandelt zu haben. Weil ich mich selbst eines aktiven Egoismus für schuldig befunden habe? Traurig deshalb, weil es nun auf der Welt einen Menschen mehr gab, der mir gegenüber negativ eingestellt war, wobei egal war, was für ein Mensch derjenige war. Traurig, weil ich nicht „überall beliebt“ sein konnte.
Was haben Eltern, die es sicherlich gut mit einem meinten, einem da für ein Paket mit auf die Reise gegeben? Warum habe sie mich nicht gelehrt, meine eigene Meinung korrekt formuliert und SELBSTBEWUSST vorzutragen und auf all diejenigen zu pfeifen, die die Wahrheit nicht ertragen können?

Langsam, sehr langsam, beginne ich, diese Lektion abzustreifen und mich freier zu bewegen. Auch wenn ich mit dieser freieren Bewegung manches Mal anecke. Anecken ist mir neu, aber mit den Folgen davon zu leben, lerne ich. Mit der Zeit. Langsam. Schmerzhaft. Aber mit sich selbst ist man mehr im Reinen, stelle ich verwundert fest.

Und die wahren Freundschaften betrifft diese Wandlung ohnehin nicht.

Montag, 12. November 2007

Impulse

oder : vorgestern war die Welt noch anders


Ich habe ein extrem anstrengendes aber eindrucksvolles Wochenende hinter mir. Workshop: Plotten. Zweimal acht Stunden Arbeit am schriftstellerischen Plot. Definitionen, ein sich einigen auf eine fast unbekannte Fachsprache steht am Anfang. Dann Plotanalyse eigener Texte, fremder Texte, Figureninteraktionsmodelle, Themen- und Prämissenfindung, Höhe- und Wendepunktanalyse, braiden, winkeln, u.v.m. Wir werden ausgerüstet mit dem Handwerkszeug zum Romanschreiben.

Am Morgen danach fühle mich wie durch den Wolf gedreht. Habe abwechselnd das Gefühl, jetzt entweder sofort einen Bestseller oder nie wieder ein Wort schreiben zu können. Über das irgendwo enttäuschende Gefühl, dass Schreiben auch nur ein erlernbares Handwerk ist, das gewissen, sogar noch sehr eng begrenzten Regeln folgt, wenn es zu Publikumserfolg führen soll, legt sich ein Hochgefühl, weil dann auch ich, wenn ich die Regeln befolge und die Tipps beherzige, Erfolge erzielen kann. Denn geht es nicht darum? Klar, ein Autor will gelesen werden, will seine Bücher verkaufen, im besten Falle davon leben, aber will er nur das schreiben, was die Leser auch hören wollen? Immer nur ihre Erwartungen erfüllen? Die Antwort der Dozentin: ja! Mit Rufezeichen. Meine Antwort: hmm. Was ist dann mit all den Autoren, die dem Leser unbequeme Dinge serviert haben, die ungewöhnlich und neu geschrieben, anstrengend phrasiert und Regeln gebrochen haben und auch bekannt wurden? Alles Zufälle? Oder ist "der Leser" eine von Autoren, Agenten, Lektoren und Verlegern gleichermaßen unterschätzte Spezies, die eigentlich gerne mal „was Anderes“, „was Neues“ lesen würde, aber nicht weiß wie sie daran kommt?
In mir regt sich nach Erhalt eines solch umfangreiche Regelwerkes immer ganz leise der Widerspruchsgeist. Beispiel Genre Liebesroman. Wir lernen: ein Liebesroman muss immer mit einer weiblichen Protagonistin ausstaffiert sein. Es gibt schlichtweg keinen Liebesroman, deren Held die Zuneigung und die Liebe zu einer Frau aus seiner Sicht schildert. Wieso das denn nicht? Weil Liebesromane nur von Frauen gelesen werden und diese sich mit der Heldin identifizieren wollen. Der Mann im Liebesroman sei keine eigenständige Figur, sondern nur das „Opfer der Begierde“, das Ziel der Protagonistin und damit des Romans. Ich kann einfach nicht glauben, dass Frauen an der glaubhaft geschilderten Innensicht eines Mannes zu Liebesdingen kein Interesse haben, oder – jetzt werde ich aber wagemutig - dass nicht doch hin und wieder ein Mann ein solches Buch in die Hand nehmen würde, wenn es sie denn gäbe. Oder - Gipfel des Mutes – selbst eines schreiben würde.
Auch taucht hier die oft gestellte Frage nach der Henne und dem Ei auf. Interessieren sich die sogenannten Zielgruppen wirklich nur für ein bestimmtes Muster, nach dem ein Plot aufgebaut zu sein hat, und bekommen glücklicherweise genau dieses von findigen Verlegern vorgesetzt oder bringt die kollektive Mutlosigkeit der Verleger und die eingefahrenen Regeln in der Buchkunst den (langsam verzweifelnden) Leser dazu, eben das zu Lesen, was auf den (Verkaufs-)Tisch kommt und verpfuschen somit langsam aber sicher den individuellen Geschmack der Menschen?

In meinem Kopf tobt es. Ich glaube, ich werde jetzt mal ganz lange nur lesen. Bücher anderer Leute. Werde sie außer genießen auch noch analysieren, auf die Anwendung der neu erlernten Techniken hin abklopfen. Dann werde ich mir einen Zettelkasten und eine riesige Pinwand kaufen, meinen Roman beginnen und dabei die Tipps unserer Dozentin beherzigen. Dann das Ergebnis begutachten (ob es mir gefällt), Freunde lesen lassen (ob es denen gefällt) und vergleichen mit den alten Texten, die ich, noch nicht auf Außenwirkung bedacht, vor diesem Kurs geschrieben habe. Den Unterschied prüfen und erfühlen, was mir besser gefällt.
Und dann Geld mit dem Schreiben verdienen. Oder auch nicht.

heart of lothian

die Sehnsuchtsseite
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